Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus liest Herbert Müller aus dem ersten Roman des Wiener Schriftstellers Joseph Roth (1894 – 1939), dessen zeitgeschichtliche Bedeutung gerade heute wieder gültig ist.


In der Geschichte des Romans kehrt der Leutnant Theodor Lohse aus dem Ersten Weltkrieg zurück und findet sich in der Gesellschaft nicht mehr zurecht. Er gelangt in ein Netz aus intriganten Konflikten zwischen Kommunisten und Nationalen, zwischen Bürgertum und Proletariat. Bald übernimmt er, ohne es bewusst zu verstehen, die Sprache der völkischen Bewegung, macht eine neue Karriere als Scharführer der 1920 gegründeten Nationalsozialistischen Partei. Ein Mitläufer wie viele? Ein Verführter, der nicht begriff, wozu er instrumentalisiert wurde? Eine Karrierist ohne Gewissen? Auf jeden Fall einer, der zeigt, wie gefährlich zu allen Zeiten es ist, wenn sich Antisemitismus in der Gesellschaft immer wieder breit macht.



Der Schriftsteller Joseph Roth wurde 1894 geboren, war Offizier im Ersten Weltkrieg und arbeitete nach 1918 als Journalist. So kam er von Wien und Berlin in die wichtigsten Metropolen Europas. Verarmt starb er 1939 in Paris. Seinen ersten Roman „Das Spinnenetz“ veröffentlichte er zunächst als Fortsetzungsgeschichte vom 7. Oktober bis 6. November 1923 in der sozialistischen Wiener „Arbeiterzeitung“. Als Buch erschien der als beängstigend prophetisch geltende Roman des Joseph Roth erst 1967 nach 44 Jahren des Vergessens. Drei Tage nach dem Erscheinen des letzten Teils in der Zeitung von 1923 putschten Hitler und Ludendorf.



„Obwohl es 1923 spielt, hat das ,Spinnenetz‘ eine unheimliche Nähe zu uns. Es geht um die Zeit vor dem Faschismus. Die Tendenz zum Rechten, die in Deutschland leider unausrottbar zu sein scheint, und die ich die Jahre über immer gespürt habe, wird ja auch durch die Wahlen immer wieder bestätigt.“


Bernhard Wicki, 1989 in einem Interview im tip-Magazin Berlin zur Uraufführung seines Films „Das Spinnennetz“ mit Ulrich Mühe, Klaus Maria Brandauer, Armin Müller-Stahl und Andrea Jonasson.




JOSEPH ROTH: DAS SPINNENNETZ

Termin


Mo 27.1. um 19.00 Uhr


Preis D

SPIELZEIT 2019/2020